Vor der Zukunft müssen wir uns nicht fürchten. Solange wir sie selbst gestalten.

Steve ist IT-Spezialist und engagiert sich für eine bessere Welt.

Wie stellen wir uns eine positive langfristige Zukunft vor? Wie sehen unsere Überlegungen und Handlungen aus, wenn wir auch die nächsten Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende oder sogar Jahrmillionen mit einbeziehen? Grundsätzlich finden es wohl die meisten Menschen wichtig, an zukünftige Generationen zu denken und ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Schließlich kümmert sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden um eine lebenswerte Zukunft für ihre Kinder und Enkel.

Einige Philosophen halten, was die englischsprachige Community des Effektiven Altruismus Longtermism nennt, moralisch gesehen sogar für besonders wichtig. Gerechtfertigt wird die Bedeutung oft mit der im Effektiven Altruismus üblichen Betrachtung der Faktoren Größe, Lösbarkeit und Vernachlässigung.


Größe

Wir oder unsere Nachfahren werden möglicherweise noch für Milliarden von Jahren die Erde oder andere Teile des Universums bevölkern. Somit steht nicht nur das Wohlergehen der ~ 7,8 Milliarden Menschen auf dem Spiel, die aktuell existieren – sondern eben auch das unserer potentiellen Nachfahren über unzählige Generationen. Das setzt voraus, dass die Menschheit bzw. das Leben auf der Erde nicht vom Menschen selbst oder von externen Faktoren ausgelöscht wird. Es ist aber auch vorstellbar, dass die langfristige Zukunft astronomische Mengen an Leid bereithält – zum Beispiel durch den missbräuchlichen oder fehlgeleiteten Einsatz von künstlicher Intelligenz.



Billionen Leben
Da also die Chance besteht, dass ein Großteil allen Lebens in der Zukunft stattfindet, macht es Sinn, altruistische Handlungen auch danach zu bewerteten, welche langfristigen Konsequenzen sie haben. Diese Position ist vor allem dann sinnvoll, wenn man es nicht für moralisch relevant hält, wann und wo Lebewesen existieren und stattdessen nur zählt, inwiefern wir ihr Leben beeinflussen können. Die Entwicklung der langfristigen Zukunft ist vom heutigen Wissensstand aus jedoch äußerst unsicher und ständig in Bewegung: eine Unwissenheit, die wir antizipieren müssen, wenn wir das Morgen positiv gestalten wollen.

Warum finden wir diesen Aufwand gerechtfertigt? Und wie kannst Du selbst aktiv werden? Das erfährst Du im folgenden Text.


Lösbarkeit

Die folgenden Aktivitäten haben ein besonders großes Potential, sich positiv auf die langfristige Zukunft auszuwirken.

Die existenziellen Risiken für die Menschheit verringern.
Die Menschheit ist aktuell die Spezies mit dem größten Potential, die langfristige Zukunft positiv zu gestalten. Es ist unklar, ob und wann sich eine Spezies entwickeln könnte, die vergleichbar viel bewirken kann. Ein Weg, die langfristige Zukunft zu gestalten ist es deshalb, zu verhindern, dass die Menschheit ausstirbt. Es gilt also, Existenzielle Risiken (im Englischen „Existential Risk“ oder „X-Risk“) zu minimieren. Viele Effektive Altruist:innen fokussieren sich dabei auf menschengemachte Risiken wie:

nukleare Kriege
verheerende Pandemien
extremer Klimawandel
Entwicklung von nicht kontrollierbarer künstlicher Intelligenz

Toby Ord, ein Forscher vom Future of Humanity Institute in Oxford, macht in seinem Buch The Precipice eine alarmierende Schätzung: Das Risiko, dass die Menschheit ausstirbt, liegt im nächsten Jahrhundert bei 1:6 – also bei einem Würfelwurf. Aufgrund der Thematik ist diese Schätzung zwar mit sehr viel Unsicherheit verbunden. Trotzdem erscheint es sinnvoll, hier eine bewusste Entscheidung zu treffen: Welches Risiko wollen wir tolerieren, wenn es darum geht, auszusterben? Und wie viele Ressourcen sollten wir dementsprechend in vorbeugende Maßnahmen investieren? Die gute Nachricht: Es gibt durchaus auch Hebel und Wege, die Risiken zu reduzieren.

  • Wir verringern das Risiko eines katastrophalen Klimawandels durch neue Gesetze und Vorschriften zur Senkung der Kohlenstoffemissionen.
  • Wir gewährleisten die Sicherheit neuer Technologien (z.B. Künstliche Intelligenz), indem wir gezielt in deren Erforschung investieren.
  • Wir verringern das Risiko von nuklearen Kriegen, indem wir die nukleare Abrüstung weiter vorantreiben.
  • Wir investieren in die Vorbereitung auf Pandemien, sodass sich die Auswirkung von Krankheitsausbrüchen verhindern oder mildern lässt.
  • Wir arbeiten an der Stärkung der globalen Zusammenarbeit, um besser mit unvorhergesehenen Risiken umgehen zu können.

Das Risiko von Szenarien senken, in denen technologischer Fortschritt zu Leid in astronomischem Ausmaß führt
Es gibt auch das Risiko, dass die Menschheit zwar weiter existiert, aber ihre langfristige Zukunft unheimlich viel Leid beherbergt. Im Kontext des Effektiven Altruismus wird dann oft von „Suffering risks“ oder „S-risks“ gesprochen. Der Grundgedanke: Unsere fortschreitende Zivilisation birgt nicht nur positives Potenzial, sondern auch die Gefahr astronomisch großes Leid für spätere Generationen oder andere Lebensformen zu erzeugen. Ein Beispiel für dieses Risiko ist die Massentierhaltung. Durch technologische Fortschritte und wirtschaftliche Entwicklung hat sich das Leben von vielen Menschen radikal verbessert. Unbeabsichtigt wurde zugleich aber auch eine der größten Quellen heutigen Leidens geschaffen: Die Massentierhaltung. Technologischer Fortschritt bedeutet also keineswegs, dass die Welt nur besser wird. Folgende Maßnahmen haben ein großes Potential, dieses Risiko zu verringern:

Die Werte unserer Zivilisation verändern.
Ob implizit oder explizit: Wie sich unser Handeln langfristig auswirkt, hat etwas mit unseren vorherrschenden Werten zu tun. Beeinflussen wir diese, könnte sich das bedeutend auf die Entwicklung der Zukunft auswirken. Zum Beispiel, indem mehr Menschen, die altruistisch handeln, dabei auch unparteiisch und evidenz-basiert vorgehen.

Welche Interventionen können die Werte unserer Zivilisation auf Dauer positiv beeinflussen? Diese Thematik wurde bisher wenig behandelt. Besonders wichtig scheint es aber, dass eine breite Community sich langfristig und kontinuierlich engagiert. Folgende Maßnahmen finden Effektive Altruist:innen vielversprechend:

  • Die Entwicklung der Community des Effektiven Altruismus
  • Die Ausdehnung des moralischen Kreises in verschiedenen Dimensionen, zum Beispiel:
    • räumliche Distanz: Lebewesen nicht vernachlässigen, nur weil sie in weiterer Entfernung leben
    • speziesistische Distanz: Lebewesen nicht aufgrund ihrer Artzugehörigkeit moralisch diskriminieren
    • zeitliche Distanz: nicht nur das gegenwärtige, sondern auch das zukünftige Leben verbessern oder schützen/span>
Schon in der Vergangenheit hat die Menschheit ihren moralischen Kreis immer wieder erweitert


Dafür sorgen, dass die Gesellschaft handlungsfähiger wird.
Um die langfristige Zukunft positiv zu beeinflussen, braucht es auch eine handlungsfähige Gesellschaft. Hierfür gibt es einige vielversprechende Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, Bildung, Wissenschaft und politische und wirtschaftliche Systeme zu optimieren. So soll die Menschheit besser auf Herausforderungen reagieren können, um z.B. schneller Krankheiten zu heilen, die Produktivität zu steigern oder existenzielle Risiken zu verringern.

Wichtig ist, dass die Entwicklung der Handlungsfähigkeit verantwortungsbewusst erfolgt, d.h., mit einem Fokus auf Sicherheit. Undifferenzierter technologischer Fortschritt kann nämlich auch zu schnell wachsenden Risiken führen. Diese Maßnahmen erscheinen aktuell besonders vielversprechend:

Eine Liste an weiteren Themenbereichen findet ihr hier: 80,000 Hours.

Häufiger Kritikpunkt: Die langfristige Zukunft ist zu komplex

Ist die langfristige Zukunft nicht viel zu komplex, als dass wir sie beeinflussen könnten? Schließlich kommt es nicht nur auf unsere eigenen Handlungen an, sondern auch auf die Reaktionen und Gegenreaktionen über hunderte, tausende oder Millionen von Jahren. Diese kritische Frage wird häufig gestellt und ist berechtigt. In erster Linie geht es aber nicht darum, die Zukunft vorherzusagen. Vielmehr sollen alle Chancen auf eine positive Zukunft genutzt werden, da nicht weniger als das Leben an sich auf dem Spiel steht. Bei manchen Interventionen ist die Chance, dass sich diese positiv auswirken besonders hoch. Zum Beispiel, wenn wir dafür sorgen, dass wir besser auf Pandemien vorbereitet sind oder saubere Energie günstiger wird.

In jedem Fall ist es also sinnvoller, die langfristige Zukunft noch mehr zu erforschen, als sich mit ihren Risiken gar nicht auseinanderzusetzen. Glauben wir der Schätzung von Toby Ord – und die Menschheit stirbt mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:6 im nächsten Jahrhundert aus – müssen wir nicht einmal 10.000 Jahre in die Zukunft denken: denn auch wir und unsere direkten Nachfahren könnten betroffen sein.


Vernachlässigung

Einzelpersonen, Organisationen und Regierungen beschäftigen sich heute noch zu wenig mit der langfristigen Zukunft, da die Anreize dafür gering sind. 80.000 Hours bringt es auf den Punkt: „Zukünftige Generationen sind wichtig, aber sie können nicht wählen, sie können nichts kaufen, sie können nicht für ihre Interessen eintreten.

Darüber hinaus sind die Probleme künftiger Generationen auch noch unsicherer und abstrakter als solche mit einem kürzeren Zeithorizont. Deshalb fällt es uns schwerer, uns um sie zu kümmern. Ein Beispiel dafür ist „zeitliche Diskontierung“, ein bekanntes psychologisches Phänomen. Es beschreibt die menschliche Tendenz, weit in der Zukunft liegenden Ereignissen weniger Gewicht beizumessen. Dieses Phänomen könnte unter anderem erklären, warum es uns anscheinend so schwer fällt, den Klimawandel zu bewältigen. Wir können also damit rechnen, dass Bereiche mit einem noch längeren Zeithorizont erst recht vernachlässigt werden. Umso wichtiger ist es, den Rahmen dafür zu schaffen, dass diese künftig deutlich mehr Aufmerksamkeit erfahren.



Häufiger Kritikpunkt: Es gibt dringendere Probleme als die positive Gestaltung der langfristigen Zukunft

Haben wir überhaupt genug Zeit und Ressourcen für die Gestaltung der langfristigen Zukunft? Gibt es nicht viel dringendere Probleme auf der Welt? Dieses Argument erscheint auf den ersten Blick zwar etwas undifferenziert, in gewisser Weise aber auch plausibel. Es scheint, als hätten wir noch viel Zeit dafür, uns der langfristigen Zukunft anzunehmen. Akute Probleme müssen dagegen oft unter großem Zeitdruck gelöst werden. Was aber auch klar ist: Wer sich nur von einem akuten Problem zum nächsten hangelt, wird auf Dauer viel mehr Arbeit verrichten, als jemand, der die Gesamtsituation systematisch analysiert, Zusammenhänge zwischen Problemen erkennt und strategisch mit Voraussicht handelt.

Nur durch seine Fähigkeit, strategisch zu planen konnte sich der Mensch im Wettbewerb der Natur behaupten. Eine ausgewogene Mischung aus Voraussicht und einem Fokus auf akute Herausforderungen scheint also durchaus erstrebenswert zu sein.


So kannst Du helfen die langfristige Zukunft positiv zu gestalten:

Spende an eine effektive Organisation
Eine Möglichkeit sich für für die langfristige Zukunft zu engagieren ist es an besonders effektive Hilfsorganisationen oder Forschungseinrichtungen zu spenden. Auf unserer Spendenseite findest Du einige Initiativen die von der Community des Effektiven Altruismus als besonders vielversprechend angesehen werden und die aus Deutschland und der Schweiz steuerbegünstigt unterstützt werden können.

Mach für die langfristige Zukunft Karriere
Wenn Du Dich im Rahmen deiner Karriere für die positive Gestaltung der langfristigen Zukunft engagierst, kannst Du potentiell sogar noch mehr bewegen. Zum Beispiel, indem Du bei einer hoch effektiven Hilfsorganisation arbeitest oder Dich in Forschung oder Politik engagierst. Auf der Webseite der Organisation 80,000 Hours findest Du weitere ausführliche Artikel zu diesem Thema sowie die Möglichkeit eine individuelle Karriereberatung in Anspruch zu nehmen

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