Wer für die Zukunft plant, sollte dafür sorgen, dass es eine gibt.

Pia und Tom sind Teil der EA-Gemeinschaft in Berlin.

Du willst die Welt zu einem besseren Ort machen? Dafür zu sorgen, dass Tiere weniger leiden, ist ein besonders effektiver Weg, das zu tun. Immer noch gibt es in der Gesellschaft sehr wenig Bewusstsein dafür, dass Nutz- und Haustiere gleich gut behandelt werden wollen: Wir umsorgen Katzen oder Hunde, doch Schweine oder Hühner pferchen wir auf engstem Raum zusammen, um sie später zu töten. Ethisch lässt sich das kaum rechtfertigen, denn die meisten höher entwickelten Tiere können Schmerz empfinden und leiden. Das zeigen immer wieder neue Forschungsergebnisse.

Aus Sicht des Effektiven Altruismus ist es besonders sinnvoll, sich auf die Massentierhaltung zu konzentrieren.

Größe

Viele Milliarden, die leiden

Jedes Jahr werden über 70 Milliarden Landtiere durch den Menschen getötet. Die meisten von ihnen verbringen ihr Leben in der Massentierhaltung. Hinzu kommen zwischen 970 und 2.740 Milliarden Fische.

Die Nachfrage nach Tierprodukten wird in den nächsten Jahren vermutlich aufgrund von wachsendem Wohlstand und einer wachsenden Weltbevölkerung weiter ansteigen. Insbesondere in Schwellenländern ist eine Zunahme der Massentierhaltung zu erwarten. In Deutschland werden derzeit für den Konsum jedes Menschen im Durchschnitt pro Jahr ungefähr 9 Tiere getötet. Diese mussten in den allermeisten Fällen unter qualvollen Bedingungen leben und lange vor Erreichen ihrer natürlichen Lebenserwartung sterben.

Aber wie sehen diese Lebensbedingungen konkret aus? Ein Masthuhn in der Bodenhaltung muss sich zum Beispiel einen Quadratmeter mit bis zu 25 Artgenossinnen teilen was kaum mehr als einem DIN A 5 Blatt entspricht. In den nach wie vor erlaubten und sogenannten "Kleingruppen-Käfigen" drängen sich bis zu 6.000 Legehennen, wodurch diese keine stabilen Hackordnungen ausbilden können. Dadurch sind die Tiere gestresst und verhalten sich gegenüber anderen aggressiv.

Bei Schweinen ist es ähnlich: In der Regel müssen sie ihr gesamtes Leben auf engem Raum in dunklen Betonbuchten verbringen. Sauen verbringen ungefähr die Hälfte ihres Lebens in sogenannten Kastenständen. Das sind köperenge Metallkäfige, in denen die Tiere meist nicht einmal ihre Gliedmaßen ausstrecken können. Einige Schweine entwickeln Verhaltensstörungen und beißen auf die Ringelschwänze der anderen Tiere. Doch statt etwas an den Bedingungen zu ändern, werden den Tieren oft einfach die Schwänze abgeschnitten – meist ohne Betäubung, obwohl dieser Eingriff sehr schmerzhaft ist. Wenn wir bedenken, dass Schweine intelligenter sind als Hunde, ist es kaum vorstellbar, dass diese Haltungsform in Deutschland noch erlaubt ist.

Eine Sau im Kastenstand


Wer Fleisch produziert, produziert Treibhausgase
Nach Schätzungen der Vereinten Nationen verursacht die Nutztierhaltung etwa 14,5 Prozent der von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen. Ein Grund dafür ist der Anbau von Futterpflanzen wie Soja: Um 1 Fleischkalorie zu produzieren, braucht es je nach Tier- und Haltungsart zwischen 4 und über 20 Pflanzenkalorien. Dementsprechend große Anbauflächen werden benötigt, für die immer mehr Regenwald weichen muss.

Stellen sich viele auf eine pflanzliche Ernährung um, entstehen auch weniger Treibhausgase für die Lebensmittelproduktion. Oft ist dies für die Klimawirkung sogar entscheidender als beispielsweise der Transport von Lebensmitteln.

Tiere werden oft mit Pflanzen gefüttert, die auch für den menschlichen Verzehr geeignet wären.

Krank- und Resistentmacher
Durch den enormen Konsum von Tierprodukten steigt auch die Gefahr globaler Pandemien. Das SARS CoV-2-Virus (Coronavirus) zum Beispiel stammt vermutlich von einem Wildtiermarkt in China und ist womöglich in den Nerzfarmen Dänemarks mutiert. Wir können davon ausgehen, dass auf diesem Weg in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch weitere tödliche Krankheitserregerden Weg zu uns finden können. So kam es 2020 zu erneuten Ausbrüchen der Vogelgrippe H5N1 in Betrieben in verschiedenen Ländern Asiens, Europas und Nordamerikas die mit einer Sterblichkeitsrate von über 60% deutlich gefährlicher ist als das SARS-CoV-2-Virus (wenn auch typischerweise weniger ansteckend).

Gefährlich für die menschliche Gesundheit ist auch, dass in der Massentierhaltung viele Antibiotika eingesetzt werden. Tritt in einem Stall eine Krankheit auf, werden oft alle Tiere behandelt, weil es zu teuer wäre, die Tiere einzeln zu untersuchen. Die Konsequenz ist, dass sich innerhalb der Betriebe rasch multiresistente Keime entwickeln.

Trotz der vergleichsweise hohen Verbraucherschutzstandards in Deutschland werden auch hierzulande in der Geflügelproduktionen große Mengen an „Reserveantibiotika“ eingesetzt, die sich demzufolge auch im Fleisch wiederfinden. Menschen werden Reserveantibiotika möglichst selten verschrieben, um eine Resistenzbildung hinauszuzögern: so ist auch bei multiresistenten Keimen noch eine lebensrettende Behandlung möglich. Die von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Interagency Coordination Group on Antimicrobial Resistance geht davon aus, dass schon jetzt jedes Jahr mindestens 700.000 Menschen an Infektionen durch multiresistente Keime sterben und diese Zahl bis 2050 auf jährlich über 10 Millionen Tote steigen könnte, wenn wir nicht gegensteuern.


Vernachlässigung

Wenn wir nach dem Spendenaufkommen urteilen, ist das Leid von Nutztieren ein stark vernachlässigtes Problem. So sind die Zahlen in den USA, wo die Erhebung verlässlicher Zahlen zum Spendenaufkommen leichter ist als in Deutschland:

• Von 100 gespendeten Dollar gehen weniger als drei Dollar an den Tierschutz.
• Davon erhalten Organisationen, die sich auf den Schutz von Nutztieren konzentrieren, nicht mal ein Prozent.
• Mehr als 99 von 100 Tieren, die von Menschen getötet werden, sind Nutztiere.
• Auf jedes Tier in einem US-Tierheim kommen ca. 500 Dollar Spenden, während für jedes Tier in der Massentierhaltung weniger als ein Cent gespendet wird.

Wir gehen davon aus, dass sich die Zahlen in Europa nicht grundlegend unterscheiden.


Lösbarkeit

Wir können durch verschiedene Maßnahmen dafür sorgen, dass deutlich weniger Tiere in der Massentierhaltung leiden – das ist erwiesen. Untersuchungen zeigen, dass zum Beispiel Unternehmens Kampagnen oder das Werben für eine vegan-vegetarische Lebensweise erhebliche Erfolge zeigen. Zu den Organisationen, die über hoch effektive Maßnahmen für mehr Tierschutz forschen und Forschungsergebnisse zusammentragen, gehören Animal Charity Evaluators und Faunalytics. Drei besonders vielversprechende Ansätze sind

Kampagnenarbeit
Eine Möglichkeit, die Haltungsbedingungen von Millionen von Tieren zu verbessern ist es, Druck auf Unternehmen auszuüben. Vergangenen Kampagnen legen nahe, dass Interventionen durch Tierschutzorganisationen sehr kosteneffektiv sein können. Beispielsweise haben die Bemühungen diverser Organisationen dazu geführt, dass sich allein in den USA mehr als 500 Unternehmen verpflichtet haben, auf Käfighaltung zu verzichten, was die Haltungsbedingungen von Millionen Hennen deutlich verbessert. Lewis Bollard vom Open Philanthropy Project geht davon aus, dass derartige Kampagnen für jeden ausgegebenen Dollar mindestens 20 Hennen ein Jahr in Käfighaltung erspart bleibt.

Werbung für Verhaltensänderungen
Vegetarismus und Veganismus sind in den Medien und Supermärkten deutlich präsenter geworden. Trotzdem: Weltweit wird immer mehr Fleisch gegessen. Um dem entgegenzuwirken, braucht es Werbung für eine vegan-vegetarische Lebensweise: zum Beispiel indem Online-Anzeigen geschaltet werden oder Menschen beim Übergang zu einer pflanzlichen Ernährung unterstützt werden.

Auch für Menschen die noch nicht bereit sind ihren Fleischkonsum zu reduzieren gibt es Empfehlungen wie sie dennoch zu weniger Tierleid beitragen können. So empfiehlt die Organisation One Step for Animals gezielt Hühnerfleisch vom Speiseplan zu streichen und durch andere Fleischsorten zu ersetzen. Hier muss man allerdings abwäge, denn insbesondere Rindfleisch ist sehr viel schädlicher für das Klima. Dafür müssten deutlich weniger Tier leiden und sterben, denn eine Kuh produziert etwas so viel Fleisch wie etwa 200 Hühner.

Wie viele Jahre Tierleid können wir durch derartige Maßnahmen mit einer bestimmten Spenden vermeiden? Das lässt sich schwer schätzen. Dafür müssen wir wissen, wie viele Menschen ihre Ernährung tatsächlich umstellen (und was sie vorher gegessen haben). Und wir müssen verschiedene Effekte berücksichtigen: manche Menschen essen zum Beispiel nach einem bestimmten Zeitraum wieder Fleisch. Manche dienen aber auch als Vorbild und bewegen andere dazu, sich tierleidfreier zu ernähren. Durch die erhöhte Nachfrage könnte sich auch das Angebot an pflanzlichen Lebensmitteln erweitern – was wiederum vielen die Ernährungsumstellung erleichtert.

Verbesserung der Produktion und Verbreitung von Fleischalternativen
Seit einigen Jahren sind immer mehr Lebensmittel erhältlich, die tierische Produkte ersetzen können. Diese Alternativen sind dem Fleisch vom Tier in Aussehen, Geschmack und Textur immer ähnlicher, sodass es in Zukunft vielen Menschen leicht fallen könnte, umzusteigen. In den vergangenen Jahren ist in Deutschland der Umsatz von Ersatzprodukten jährlich um fast ein Drittel gestiegen. Auch weltweit ist ein steiler Anstieg zu beobachten. Neben pflanzlichen Alternativen werden auch Versuche unternommen, Fleisch in Zellkulturen zu replizieren. Dieses Fleisch wäre identisch mit dem vom Tier – nur ohne das immense Leid und die Umweltzerstörung.

Werden immer bessere Fleischalternativen produziert und verbreitet, ist es möglich, dass ein Großteil der Menschheit zukünftig auf tierleidfreie und umweltfreundliche Alternativen umsteigt. Dabei spielt nicht unbedingt die moralische Überzeugung eine Rolle, sondern auch die Tatsache, dass Fleischalternativen bei gleicher Qualität weniger kosten. Deshalb kann die Entwicklung und Förderung von Fleischalternativen ebenfalls sehr wirkungsvoll für das Tierwohl sein.

Forschung: Wie sorgen wir dafür, dass Nutztiere weniger leiden?
Je genauer wir diese Frage durch Forschung beantworten können, desto gezielter können wir Ressourcen investieren – und um ein Vielfaches mehr Wirkung erzeugen. Mögliche Forschungsfragen sind zum Beispiel:

• Wie überzeugen wir Menschen am besten von einem geringeren Fleischkonsum?
• Was braucht es, damit Unternehmens-Kampagnen erfolgreich sind?
• Wie können wir In-vitro-Fleisch (kultiviertes Fleisch) so herstellen, dass sowohl geschmacklich als auch vom Preis mit herkömmlichen Fleisch konkurrieren kann?

Forschung – Wie sorgen wir dafür, dass Wildtiere weniger leiden?
Wie sehr leiden Wildtiere und inwiefern dürfen oder sollen wir eingreifen? Das Leid von Wildtieren ist vielleicht noch sehr viel größer das von Nutztieren – etwa durch Hunger, Krankheiten, extreme Kälte oder Dürre. Während es hier schon einzelne Ideen gibt (zum Beispiel das Auslegen von Impfködern), gibt es noch viele offen Fragen, wenn es darum geht, sichere und effektive Interventionen zu entwickeln:

• Welche Tiere haben überhaupt ein Bewusstsein?
• Welche Maßnahmen können wir durchführen, ohne das sensible Gleichgewicht von Ökosystemen in Gefahr zu bringen?

Noch wissen wir wenig darüber, ob und wie wir das Leid von Wildtieren mindern können. Die Organisation Wild-Animal Suffering Research forscht in diesem Bereich.


Das kannst Du für mehr Tierwohl tun:

Konsumiere weniger Tierprodukte
Wer öfter auf tierische Produkte verzichtet, sorgt auch für weniger Leiden in der Massentierhaltung. Viele effektive Altruist:innen ernähren sich sogar vegetarisch oder vegan.

Spende an eine effektive Organisation
Andere Möglichkeiten, etwas gegen die Zustände in der Massentierhaltung zu tun, sind vielleicht sogar noch effektiver. So untersucht die Organisation Animal Charity Evaluators, wo wir mit einer Spende die größtmögliche Wirkung erzielen können und empfiehlt die effektivsten Organisationen.

Engagiere dich
Bei vielen dieser Organisationen kannst Du auch ehrenamtlich aktiv werden. Oft ist dies schon mit wenigen Stunden – teilweise auch online – möglich.

Mach für den Tierschutz Karriere
Wenn Du Dich im Rahmen deiner Karriere dafür einsetzt, Tierleid zu reduzieren, kannst Du potentiell sogar noch mehr bewegen. Zum Beispiel, indem Du bei einer hoch effektiven Tierschutzorganisation arbeitest oder Dich in Forschung oder Politik engagierst. Besonders vielversprechende Karrieremöglichkeiten in der direkten Tierschutzarbeit werden von der Organisation Animal Advocacy Careers untersucht und empfohlen.

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