Die Wirkung meiner Spende vervielfachen? Ja, das geht.

Stefan berät Philanthropen dabei ihr Geld möglichst wirksam einzusetzen

Hier findest Du eine Sammlung von Antworten auf Fragen, die uns schon häufig gestellt wurden. Ausführlichere Texte zu den zentralen Konzepten des Effektiven Altruismus und weiterführenden Überlegungen findest Du unter Kerngedanken.

Im Vergleich zu Industrieländern ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in besonders armen Ländern zum Teil um den Faktor 100 niedriger. Mit denselben Ressourcen können wir daher in einem reichen Land viel weniger bewirken als in Entwicklungsländern. Hunderte Millionen Menschen sind nach wie vor permanent unterernährt und können von keinerlei medizinischer Grundversorgung profitieren, so dass ihre Lebensbedingungen bereits mit vergleichsweise geringen Mitteln stark verbessert werden können. Geld hat einen abnehmenden Grenznutzen: Es ist beispielsweise extrem schwierig, in reichen Ländern für nur 3.000 Euro ein Leben zu retten – dasselbe ist in den armen Ländern aber höchstwahrscheinlich möglich. Wenn jeder Mensch unabhängig vom Geburtsort gleich zählt, dann ergibt es Sinn, die eigenen Ressourcen so einzusetzen, dass möglichst viele Menschen davon profitieren können. Wenn wir selbst betroffen wären, würden wir uns dies auch wünschen: Das größte Leid sollte zuerst verhindert werden. Weiter entfernt lebende Menschen gehören genauso zu unserer Gesellschaft – der Weltgesellschaft – wie näher lebende.

Viele effektive Altruisten und Altruistinnen glauben nicht an absolute moralische Pflichten, sondern sie sehen den Effektiven Altruismus (EA) als Lebensziel, das man sich nach reiflicher Überlegung setzen kann. Andere wiederum denken, dass es in der Tat eine moralische Pflicht ist, etwas für andere zu tun, sofern man sich selbst in einer privilegierten Situation befindet und die Hilfeleistung nur ein vergleichsweise kleines Opfer bedeutet. (Immerhin existieren im Rahmen mancher Gesetzgebungen ja sogar rechtliche Pflichten, einfache Hilfeleistungen nicht zu unterlassen, und Steuergesetze können ebenfalls so gedeutet werden.) Wie dem auch sei: Je mehr Leute den EA aus dem ein oder anderen Grund unterstützen, desto eher wird es allen gemeinsam gelingen, den künftigen Verlauf der Welt positiv zu beeinflussen. Natürlich gilt: Je mehr Leute sich kritisch-rational und wissenschaftlich fundiert für gute Zwecke engagieren, desto besser. Im Idealfall wären dies alle – analog zum allgemein geteilten Urteil, dass es ethisch am besten wäre, wenn alle etwa die in modernen Staatsverfassungen verankerten Grundrechte hochhalten. Selbstverständlich bleibt es letztlich dennoch eine individuelle Entscheidung, ob man den EA in der einen oder anderen Form unterstützen will.

„Berechnend“ ja, „kaltherzig“ nein: Den Berechnungen geht immer eine mitfühlende Absicht voraus, die Welt besser zu machen. Sie sind daher Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck. „Kaltherzig“ ist der Effektive Altruismus (EA) daher auf keinen Fall. Berechnungen stellen wir in allen möglichen Lebens- und Gesellschaftsbereichen an: Wo immer es darum geht, aus einem Ressourceneinsatz (Input) das Beste herauszuholen (Output), sind gewisse Berechnungen vonnöten. Es wäre daher gar unverantwortlich, ausgerechnet bei Ressourcen die wir zur Verbesserung der Welt einsetzen wollen, auf Berechnungen zum effektivsten Einsatz zu verzichten. Wenn wir selbst von diesen Maßnahmen profitieren würden, dann würden wir uns auch wünschen, dass die Ressourcen möglichst effektiv eingesetzt werden – wir vergleichen und bewerten ja auch Produkte bevor wir sie kaufen, um einen möglichst großen Nutzen aus ihnen ziehen zu können. Um möglichst gute Entscheidungen zu treffen, müssen also gewisse strategische Datenerhebungen und Berechnungen durchgeführt werden, etwa durch randomisiert-kontrollierte Studien im Bereich der Gesundheits- und Entwicklungsökonomie. Wenn daraus folgt, dass man schwierige Abwägungen treffen muss und in Dilemmasituationen gerät, dann ist dies nicht ein Problem des Effektiven Altruismus selbst, sondern ein trauriges Faktum über die Welt, in der wir leben: Weil wir nur begrenzte Ressourcen haben, ist es leider unmöglich, alle Probleme der Welt auf einmal zu lösen. Aus der Sicht des EA erscheint der bedachte und berechnende Einsatz von Ressourcen hier als die beste Möglichkeit, um trotzdem möglichst viel Gutes zu tun.

Der Anteil der Menschen in der Community des Effektiven Altruismus, die vegetarisch oder vegan leben, ist um ein Vielfaches höher als in der Gesamtbevölkerung, und generell sind sich die meisten effektiven Altruist:innen einig, dass es gut wäre, wenn Tierprodukte nach und nach durch geeignete Alternativprodukte ersetzt würden. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Tiere in der Massentierhaltung leiden sollten, wenn die resultierenden Produkte in ähnlicher Qualität und zu vergleichbaren (oder sogar geringeren) Kosten leidfrei produziert werden können. Zudem ist der aktuelle Konsum und die Produktion von Tierprodukten auch ein Treiber des Klimawandels, durch ineffiziente Nutzung von Ressourcen ein Grund für Hunger in der Welt und ebenso eine potentielle Quelle von Erregern die das Risiko von Pandemien erhöhen. Es ernähren sich aber bei Weitem nicht alle Effektiven Altruist:innen vegetarisch oder vegan. Pragmatismus und gesellschaftliche Anschlussfähigkeit werden in der Community des Effektiven Altruismus hochgehalten: Erstens ist es philosophisch unbegründbar, die Ernährung in besonderer Weise zu „moralisieren“, andere Konsumaspekte oder etwa das Spenden aber nicht. Zweitens ist individuell flexible Praktikabilität für das Wachstum und damit letztlich die Effektivität der Community des Effektiven Altruismus essenziell.

Obwohl linksgrüne Parteien von der altruistischen Grundeinstellung her eher der Community des Effektiven Altruismus (EA-Community) entsprechen, lässt sich der EA insgesamt nicht passend ins bestehende politische Spektrum einordnen. Viele effektive Altruist:innen glauben, dass die Langzeitfolgen politischer Entwicklungen empirisch schwer zu beurteilen sind, so dass in der EA-Community zu vielen politischen Standardfragen kein klarer Konsens besteht.

Die Kognitionspsychologie hat gezeigt, dass gerade in politischen Fragen oft eine massive Selbstüberschätzung („Overconfidence-Bias“) vorherrscht: Alle sind sich ihrer Meinung viel sicherer, als dies die besten vorliegenden ethischen und empirisch-wissenschaftlichen Argumente zulassen würden (der Political-Bias-Test kann darüber Aufschluss geben). Umgekehrt ist es in der EA-Community Konsens, dass gewisse politische Forderungen völlig unbestritten sein sollten, die von den etablierten Parteien kaum vertreten werden. Dazu gehören eine deutliche Erhöhung des Budgets für Entwicklungszusammenarbeit sowie die Konzentration der Gelder auf die nachweislich effektivsten Maßnahmen; die Abschaffung der Massentierhaltung als politische Priorität; die massive Aufstockung der Forschungsbudgets zur Minimierung der globalen Sicherheitsrisiken aufkommender Technologien und zur Ausschöpfung ihres Chancenpotenzials (etwa künstliche Intelligenz, synthetische Biologie und Nanotechnologie); progressive Bioethik bzw. Freigabe der Stammzellforschung und der Präimplantationsdiagnostik zu allen klar leidmindernden Zwecken (Embryonen sind wahrscheinlich nicht leidensfähig, die genannten Biotechnologien aber könnten enormes Leid verhindern); starkes uneigennütziges Ressourceninvestment eines jeden Nationalstaats zur Vorantreibung der globalen Kooperation und Friedensförderung, u. a. durch die Stärkung kooperativer internationaler Strukturen, etwa der UNO.

Effektive Altruist:innen halten es für eine komplexe, empirisch zu erforschende Frage, welches Wirtschaftssystem für das Wohlergehen empfindungsfähiger Lebewesen langfristig am besten ist. Kaum jemand in der EA-Bewegung ist der Meinung, dass das gegenwärtige kapitalistische Wirtschaftssystem ideal ist. Viele denken, dass diverse systemische Änderungen vorgenommen werden könnten, die aus altruistischer Perspektive äußerst wertvoll wären. Zur Frage, wie weitreichend diese Veränderungen genau sein müssten, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen, besteht in der Community des Effektiven Altruismus aber kein Konsens: Manche würden sich eher für geringfügige Änderungen aussprechen, während andere der Meinung sind, dass eine grundlegende strukturelle Neuorientierung vonnöten sei. Viele effektive Altruist:innen würden allgemein auch anmerken, dass bei großräumig-strukturellen Veränderungen Vorsicht und ein graduelles Vorgehen (das Trial-and-Error erlaubt) geboten sind. Immerhin ist es der Menschheit seit 1820 gelungen, den Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen von fast 90% auf heute unter 10% zu senken, und die Geschichte lehrt auch, dass strukturelle Revolutionen massiv fehlschlagen können. Überschaubarere Reformen – etwa zur Verhinderung der „Illicit Financial Flows“, durch die reiche Länder trickreich ein Mehrfaches dessen aus Entwicklungsländern abziehen, was sie an Entwicklungshilfe leisten – werden vom genannten Risikoargument hingegen kaum tangiert.

Vorbemerkung: Bei Weitem nicht alle effektiven Altruisten:innen spenden nur an Hilfsorganisationen im Handlungsfeld der Entwicklungszusammenarbeit deren Wirkung durch randomisiert kontrollierten Studien belegt ist und die beispielsweise von GiveWell empfohlenen werden. Viele unterstützen einen politischen und technologischen Wandel um den Herausforderungen des Klimawandels und der Massentierhaltung zu begegnen oder setzen sich für eine positive Gestaltung der langfristigen Zukunft ein und

Zur eigentlichen Frage: Es ist grundsätzlich empirisch zu erforschen, welche Maßnahmen letztlich am meisten bewirken. Es ist möglich, dass strukturelle, systemische Interventionen den höchsten altruistischen Erwartungswert aufweisen. Betrachten wir zunächst die von GiveWell empfohlenen Organisationen, so ist festzustellen: Sie retten nachweislich Menschenleben, und dies sehr kosteneffektiv. Die Verteilung von Anti-Malaria-Bettnetzen etwa rettet nach den aktuellsten Schätzungen (beruhend auf randomisiert-kontrollierten Studien) für 4.106 US-Dollar ein Menschenleben (Stand November 2020). Selbst wenn der Begriff „Symptombekämpfung“ in gewisser Hinsicht zutreffend wäre, sollte dieser Aspekt keinesfalls ignoriert werden: Wann immer wir uns entscheiden, etwas anderes zu tun als direkt Menschenleben zu retten (die ohne unseren Ressourceneinsatz sterben – wir entscheiden wohl oder übel über Leben und Tod), müssen wir uns hinreichend sicher sein, dass unsere Handlungsalternative mehr bewirken wird, als die ethischen Opportunitätskosten etwa im Malaria-Bereich bewirkt hätten. Dazu kommt, dass die von GiveWell empfohlenen Interventionen zumeist positive Langzeitfolgen nach sich ziehen. Beispielsweise konnte Nobelpreisträger Michael Kremer nachweisen, dass Kinder die währende ihrer Schulzeit Entwurmungstabletten erhalten haben im erwachsenden Alter signifikant mehr verdienen, als Kinder welche diese Medikamente nicht bekamen.

Politisch-struktureller Aktivismus ist risikoreicher: Ob „systemverändernde Maßnahmen“ politisch erfolgreich sind und ob die erhoffte großflächig positive Wirkung tatsächlich eintritt, ist schwieriger abzuschätzen. Dies bedeutet selbstredend nicht, dass es nicht eine sehr gute Option sein kann, strukturelle Projekte in Angriff zu nehmen bzw. an solche zu spenden – sie können ja trotz geringerer Erfolgswahrscheinlichkeit einen höheren Erwartungswert aufweisen, weil mehr auf dem Spiel steht. Es bedeutet lediglich, dass die Frage „Direkthilfe vs. Systemveränderung“ keine unmittelbar offensichtliche Antwort hat und dass die relevanten empirischen Daten im Einzelfall zu prüfen sind.
Die EA Community wählt in dieser Frage insgesamt einen Mittelweg: Einerseits gibt es Menschen die mit signifikantem Ressourceneinsatz direkt helfen (und die entsprechenden Projekte evaluieren, so dass wir mehr Informationen über deren Effektivität erhalten, was unsere künftigen Entscheidungen verbessert). Andererseits gibt es Menschen die auch viel in gesellschaftlich-politische Initiativen sowie in ethisch hoch relevante Forschung investieren, was zwar spekulativer ist, längerfristig aber noch viel mehr bewirken könnte. Gesellschaftlich-politische Initiativen und Forschung werden als „Meta-Aktivismus“ klassifiziert: Man hilft nicht direkt, sondern verbessert zunächst unsere Hilfskapazitäten, die (wenn die Strategie aufgeht) danach um ein Vielfaches höher sind.

Ja und nein. Ja: Sie unterstützen nur Organisationen, deren Erwartungswert (= Erfolgswahrscheinlichkeit mal Wirkungsausmaß, falls der Erfolg eintritt) hoch ist. Wenn mit „wissenschaftlichem Nachweis“ jedoch gemeint ist, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit alleine zwingend hoch sein muss, dann lautet die Antwort: Nein. Der Erwartungswert kann nämlich auch dann hoch sein, wenn die Erfolgswahrscheinlichkeit zwar niedrig, das potenzielle Wirkungsausmaß aber sehr hoch ist. Nur weil die Messbarkeit und damit die Erfolgswahrscheinlichkeit etwa bei „Meta-Interventionen“ wie der Entwicklung der Community des Effektiven Altruismus und Forschung niedriger ist, heißt dies nicht, dass der Erwartungswert auch niedriger ist als bei „direkten“ Interventionen mit einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit. Messbarkeit ist wichtig, doch es gilt zugleich auch den „Evaluability Bias“ zu vermeiden, d. h. die Tendenz, uns an gut messbaren Größen zu orientieren, obwohl schlechter messbare für unser strategisches Handeln (im Erwartungswert) wichtiger wären.

Natürlich. In vielen Religionen haben der Altruismus und das Spenden einen hohen Stellenwert. Der Ansatz des Effektiven Altruismus bei der Auswahl möglicher Geld- oder Zeitspenden – d. h. der evidenzbasierte Versuch, Ressourcen, wenn man sie schon bereitstellt, maximal effektiv einzusetzen – kann daher auch religiöse Personen überzeugen (siehe z.B. die Gruppe EA for Christians). Es gibt allerdings auch viele Effektive Altruist:innen die nicht religiös sind und die Meinung vertreten, dass sich religiöse Thesen mit einem umfassend evidenzbasierten Ansatz schlecht vertragen.

Es kann ein Win-Win sein, keine Ressourcen in „metaphysische“ Debatten zu investieren, sondern gemeinsam an effektiven Projekten zu arbeiten. Das setzt natürlich voraus, dass sich die widerstreitenden Ansichten gegenseitig nicht für gesellschaftlich gefährlich halten. Das kann gegeben sein, wenn Weltanschauungen politisch „liberal“ vertreten werden.

Auch kleinere Beiträge können, wissenschaftlich fundiert eingesetzt, viel bewirken. 100 Euro beispielsweise können mehr als 100 Kinder während eines Jahres vor parasitären Wurmerkrankungen schützen. Und wer überhaupt keine Geldspenden bereitstellen kann, sollte sich deswegen nicht schlecht fühlen: Jede/r hilft so, wie es die eigenen Möglichkeiten erlauben. Zusätzlich zum Geldspenden kann eine Form der Zeitspende beispielsweise darin bestehen, Leuten im eigenen (Online-)Umfeld die Ideen des Effektiven Altruismus näherzubringen – wer zwei Leute zu vergleichbar umfassenden Spenden motiviert, bewirkt damit bereits doppelt so viel wie mit den eigenen Spenden. Außerdem sollte der Impact den man mit einer weise gewählten Karriere haben kann, nicht unterschätzt werden. Darüber hinaus besteht zudem die Option, sich lokal zu engagieren und z.B. eine Lokalgruppe zu besuchen.

Nein. Der diese Frage motivierende Gedankengang besteht wohl darin, dass es unsinnig wäre, wenn zum Beispiel alle Leute all ihr Geld in extrem arme Länder spenden würden, so dass Wirtschaft und Gesellschaft im eigenen Land zugrunde gehen. Das stimmt natürlich: Offensichtlich sollte man nur dann an Organisationen im Ausland spenden, wenn diese a) das Geld auch tatsächlich effektiv einsetzen können (und nicht bereits mit Geld geflutetwurden) und wenn man damit b) keinen größeren Schaden anrichtet als man Gutes damit erreicht – ginge unser Land zugrunde, wäre dies wohl eine größere Katastrophe als das was wir durch die Spenden an Gutem erreichen können. Wenn alle Menschen effektive Altruisten:innen wären, würde innerhalb kürzester Zeit so viel Geld an die empfohlenen Hilfsorganisationen fließen, dass diese weitere Spenden nicht mehr sinnvoll verwenden können. Dementsprechend müssten sich die Spender und Spenderinnen neu orientieren (täten sie es nicht, wären sie nicht effektiv), weil die „tiefhängenden Früchte“ schon gepflückt wurden. Falls enorme Geld- und Zeitspenden geleistet werden und die kosteneffektivsten Optionen in extrem armen Ländern (auch durch politische Veränderungen im Inland, etwa die massive Erhöhung zielführender Entwicklungszusammenarbeit und die Unterbindung von „Illicit Financial Flows“) nach und nach ausgeschöpft werden, dann würden bald auch die Möglichkeiten, im eigenen Land zu helfen, zu den effektivsten Möglichkeiten gehören. Wenn das eigene Land kollabiert, weil zu viele Einwohner und Einwohnerinnen ihr Geld ins Ausland schicken lassen, dann waren keine effektiven Altruist:innen am Werk.

Nein. Der Utilitarismus liegt in der Praxis dem Effektiven Altruismus (EA) nahe, aber dasselbe gilt für sehr viele nicht-utilitaristische Ethiken. Der EA ist demnach keineswegs auf den Utilitarismus festgelegt. Peter Singer hat den EA im Übrigen auch nicht selbst begründet, sondern höchstens mit-inspiriert, und unterstützt ihn nun öffentlich. Viele andere Mitglieder der EA Community sind dem Utilitarismus gegenüber kritisch eingestellt. Besonders die umstrittensten Positionen Peter Singers haben mit dem EA nichts zu tun und werden von den meisten EA-Interessierten abgelehnt. Der EA kann als rationale lebenspraktische Synthese aus Utilitarismus, Deontologie und Tugendethik verstanden werden: Der Utilitarismus leistet insofern einen wichtigen Beitrag, als die Konsequenzen unseres (Nicht-)Handelns für das Leid in der Welt in der Tat von zentraler Bedeutung sind. Die Deontologie hat insofern Recht, als es höchst bedeutsam ist, gewisse Regeln strikt einzuhalten und auch rechtlich zu statuieren (Menschenrechte, Lügenverbot bzw. Vertragseinhaltung, etc.). Und die Tugendethik liegt insofern richtig, als es bedeutsam ist, einen guten Charakter zu kultivieren und sich und andere beispielsweise nicht zu überfordern, d. h. ausgewogen zu leben. Der EA versucht demnach alle in der zeitgenössischen Ethik gängigen Theorien sinnvoll zu ergänzen, weil sie allesamt Teilwahrheiten enthalten.

Mit „anderen“ sind in der Regel alle empfindungs- bzw. leidensfähigen Individuen gemeint. Welche Lebewesen in welchem Umfang empfindungs- bzw. leidensfähig sind, ist eine komplexe empirische Frage – das gilt sowohl für den Zeitpunkt, ab dem menschliche Föten leidensfähig sind, als auch für den Gradienten der Leidensfähigkeit im Tierreich.

Was ganz genau unter die Begriffe „Altruismus“ oder „Hilfe“ fällt, ist philosophisch nicht trivial und in manchen Bereichen unklar. Das ist jedoch kein Grund, die trivialen Fälle zu ignorieren und untätig zu bleiben. Trivial scheint insbesondere, dass es gut ist, Individuen zu helfen, wenn dies einen bedeutenden Impact für die Betroffenen hat, aber nur geringe Kosten für einen selber bedeutet. Wer würde nicht in einen kleinen Teich springen, um ein hilfloses Kind vor dem Ertrinken zu retten?

Nein. Der EA kann, muss aber nicht als „Extremsport“ gelebt werden. Man kann die EA-Prinzipien wichtig finden und gleichzeitig auch andere Lebensziele verfolgen. Und selbst wer sich den EA als übergeordnetes Lebensziel setzen möchte, ist gut beraten, sich auch hinreichend Zeit für eigene Bedürfnisse zu nehmen. Ansonsten ist es wahrscheinlich, dass das eigene Wohlbefinden und damit meist auch die altruistische Motivation und Produktivität darunter leiden.

Das könnte tatsächlich der Fall sein. Wir haben sehr viele Möglichkeiten, anderen zu helfen. Manche Handlungen sind aus unabhängig altruistischer Perspektive notwendigerweise gewinnbringender als andere. Es ist unwahrscheinlich, dass wir intuitiv die beste Handlung gewählt haben, wenn wir diese Entscheidung nicht systematisch angegangen sind und aktiv versucht haben, die Option mit der größten zu erwartenden Wirkung zu verfolgen. Oft kommen wir durch Zufall oder persönliche Erlebnisse mit einem Thema in Berührung, das uns dann weiter beschäftigt. Auch wenn wir bereits viele Jahre in diesem Bereich gearbeitet haben, kann es jedoch ein Fehler sein, nur aufgrund der bereits investierten Ressourcen dort zu verharren („Sunk Cost Fallacy“). Wenn wir wirklich so viel Gutes wie möglich tun wollen, kann es – je nach Situation – durchaus sinnvoll sein, die eigenen beruflichen Pläne oder das Spendenverhalten massiv zu überdenken und zu ändern.

Obwohl die Community des Effektiven Altruismus noch jung ist, haben effektive Altruist:innen bereits beachtliche Spendenbeträge an effektive Hilfsorganisationen ausgezahlt (siehe z.B. die Aktivitäten des Open Philanthropy Project), wichtige Forschungsbeiträge geleistet (siehe z.B. die Forschung des Future of Humanity Institute in Oxford), viele altruistische Berufsplanänderungen bewirkt (siehe z.B. die Arbeit von 80.000 Hours) und große Medienaufmerksamkeit generiert (siehe z.B. die Vox Section Future Perfect).

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